25.04.2018

Sparen Sie auch schon beim „Kunden“?

Ein Absatz in dem Buch „Der schwarze Schwan“ von N. Taleb hat mich schmunzeln lassen. Da geht es um die stereotypen Ansichten der Europäer gegenüber den Amerikanern:

„... (die Europäer) beschreiben sie (die Amerikaner) oft als „unkultiviert“, „unintellektuell“ und „schlecht beim Rechnen“. Im Gegensatz zu den Europäern legen die Amerikaner nämlich nicht viel Wert auf Übungen zur Lösung von Gleichungen und Konstruktionen (...). Derjenige, der das sagt, wird vermutlich süchtig nach einem iPod sein, Bluejeans tragen und Microsoft benutzen, (...). Wie das Schicksal so spielt, ist Amerika derzeit jedoch viel, viel kreativer als die Nation der Museumsbesucher und Gleichungslöser“. 

Na, da hat er doch gar nicht so unrecht, sag ich mal als Europäerin! 

Gleichzeitig hat es meine Gedanken sofort wieder hin zur Zukunftssicherung von Krankenhäusern gezogen –  wo derzeit noch mehr Programme zur Einsparung und Effizienzsteigerung, noch mehr Prozessoptimierungen, um die reduzierten Einnahmen bei gleichzeitig gestiegenen Patientenzahlen irgendwie zu kompensieren, eingesetzt werden. 
Also immer mehr vom Selben tun,in der Hoffnung DIESMAL die Ziele zu erreichen. Wie schon Albert Einstein sagte: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten." 

Denn irgendwann gibt die beste Zitrone aus Süditalien keinen Saft mehr ab und ist definitiv ausgequetscht. Dieses „ausgequetscht“-Sein, manifestiert sich in Krankenständen und Abwanderungen von qualifiziertem Krankenhauspersonal, was wiederum ziemlich kontraproduktiv ist, wissend, wie es am Markt zum Thema Facharbeiter aussieht. Bestehendes Personal muss irgendwie, um den Betrieb aufrecht zu halten, diese Lücke schließen. Überlastungsanzeigen, Überstunden – ein Teufelskreis! Wenn Patienten – manchmal sogar „Kunden“ genannt – sich im Bett liegend nicht mehr trauen die Glocke zu läuten, weil das Personal so überfordert ist, dann stimmt doch was nicht. 

Aber wo ist die Lösung aus dieser misslichen Situation? Ein sozialpolitisches Umdenken zu fordern erscheint mir hier nahezu utopisch und zu gewagt, deshalb bleibt nur die Selbsthilfe.

Ein wirklich unterschätzter Faktor sind die Dynamiken und das Wissen in den Teams der einzelnen Abteilungen und Stationen. Meiner Ansicht nach driftet die Wahrnehmung der Führungsetagen – die oft unter die Kategorie „Museumsbesucher“ und „Gleichungslöser“ fallen – und die Wahrnehmung der Personen, die direkt am Patienten arbeiten, immer mehr auseinander. Kreative Lösungen, wie es konkret besser gehen könnte, vielleicht sogar schneller, billiger und patientenorientierter, haben ihren Ursprung definitiv beim „arbeitenden Volk“. Die Basis für Kreativität ist jedoch Sicherheit, Raum und Zeit für Gestaltung und genau das geht bei den Spar- und Effizienzprogrammen in den Teams nach und nach verloren. Warum genau, ist in meinen Blogs hinreichend beschrieben.

Es ist immer wieder erstaunlich und auch berührend, wie mit minimaler Unterstützung Teams wieder arbeitsfähig werden, Hoffnung bekommen, gehört zu werden und kreative sowie sinnvolle Lösungen aus dem Hut zaubern. Es braucht andere Ansätze und andere Ergebnisse, die im Arbeitsalltag lebbar sind. Anordnungen von (ganz) Oben sollten sich auf eine grundsätzlich strategische Ausrichtung und einen passenden Rahmen beschränken, der Kundenorientierung und Leistung (noch) ermöglicht. Entlassen Sie Ihre Teams aus der „Spar-und Effizienz-Geißelhaft“ und nutzen Sie die Potentiale im Team.              

Als „Gleichungslöser“ fragen Sie vielleicht nach dem Return of Investment: „Na, das sind ja nur 5000,- oder vielleicht 6 000,- Euro“.
Dann frage aber ich Sie wiederum: „Wie viele Stationen und Teams haben Sie? Und, wie glauben Sie, wirkt sich das auf Ihre Teams aus, wenn Sie künftig mitgestalten können und gerne wieder arbeiten gehen?“. 

Deshalb eine Bitte an Sie:

Bitte überlegen Sie, was passiert gerade in Ihren Teams und wie wird sich das auf Ihre Patienten und die Zukunft Ihres Hauses auswirken? 

 

 

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Andrea Langhold Signet